Die KI-Revolution schreitet offenbar rascher voraus als erwartet. Viele Unternehmen der Softwarebranche erfuhren in den letzten Wochen Neubewertungen. Unternehmen entlassen Tausende von Mitarbeitenden wegen KI. Die Anwalts- und Juristenbranche gilt als einer der Bereiche mit dem grössten Impact. Wie sehen Sie beide das?
David Rosenthal (DR): Einerseits gibt es noch viel heisse Luft, Orientierungslosigkeit und FOMO, andererseits schreitet die technologische Entwicklung rasch voran. Allerdings ist manches, über das berichtet wird, schon allein punkto Sicherheit noch nicht reif für die Praxis. Ich bin aber überzeugt, dass KI aus unserem Beruf nicht mehr wegzudenken sein wird. Auch wenn er ein People-Business ist und es dafür nach wie vor uns Menschen braucht.
Karin Mülchi (KM): Das sehe ich ähnlich. Die Geschwindigkeit hat spürbar zugenommen, und was wir gerade erleben, ist im Kern eine Marktbereinigung: Unternehmen, die KI nicht in ihr Geschäftsmodell integrieren, verlieren an Bewertung, während KI-native Firmen massiv Kapital anziehen. Für unsere Branche ist der Impact real, aber differenzierter, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Ja, bestimmte Routinetätigkeiten werden automatisiert: Recherche, Dokumentenanalyse, erste Entwürfe. Aber die juristische Kernarbeit, also strategische Beratung, Verhandlungsführung, die Beurteilung komplexer Sachverhalte, erfordert nach wie vor menschliches Urteilsvermögen. KI verändert nicht, ob Anwältinnen und Anwälte gebraucht werden, sondern wie wir arbeiten. Wer sich darauf einstellt, wird profitieren.
Karin Mülchi: Wo steht die Schweiz im Bereich KI für juristische Berufe im Jahr 2026?
KM: Die Schweiz befindet sich in einer Zwischenphase: Die Experimentierphase ist vorbei, aber die breite, systematische Integration von KI in den Kanzleialltag steht noch aus. Der Grund liegt selten an der Technologie selbst. Was fehlt, ist Change Management, klare Prozesse und vor allem das Verständnis dafür, wo KI in der eigenen Praxis konkret Mehrwert schaffen kann. Gleichzeitig hat die Schweiz einen entscheidenden Vorteil: eine starke Fokussierung auf eigene Innovation, eine hohe Dichte an KI-Startups und einen Rechtssektor, der Compliance und Qualität hochhält. DeepJudge und Omnilex, beide ETH-Gründungen, haben im November 2025 signifikante Finanzierungsrunden abgeschlossen. Das zeigt, dass der Standort Schweiz als Innovations-Pipeline für Legal Tech funktioniert und international wahrgenommen wird.
Karin Mülchi: Welche Trends sind erkennbar?
KM: Es zeichnen sich für mich einige Trends ab. Erstens: Konsolidierung und Slowdown. Der Markt bereinigt sich. Die Zahl Schweizer Legal-Tech-Anbieter steigt nicht mehr, erste Signale einer graduellen Verlangsamung sind erkennbar. Zweitens: KI als Differenzierer. Investments fliessen fast ausschliesslich in KI-basierte Lösungen. Klassische SaaS-Tools ohne KI-Komponente haben es zunehmend schwerer. Drittens: Adoption ohne Impact. Die Nutzung steigt, aber messbare Effizienzgewinne bleiben aus. Change Management ist der Engpass, nicht die Technologie. Viertens: Shift von Punktlösungen zu integrierten Plattformen. Das Interesse an isolierten Einzellösungen sinkt, während die Nachfrage nach Tools steigt, die sich nahtlos in den bestehenden Tech-Stack integrieren und KI mit Dokument- und Wissenssystemen kombinieren. Fünftens: Flight to Quality. Global sehen wir im AI-Bereich eine massive Kapitalkonzentration auf wenige Gewinner. Für kleinere Anbieter wird es schwieriger, Finanzierungen zu sichern. Im Legal Tech wird sich voraussichtlich ein ähnliches Muster abzeichnen.
David Rosenthal: Sie zeigen an unserer Veranstaltung u.a. auch auf, welche Anwendungsfälle von KI funktionieren und welche nicht. Was können Sie uns hierüber schon jetzt als Teaser verraten?
DR: Am beliebtesten sind die einfachen Dinge, bei denen uns die KI unterstützen kann. Zum Beispiel ein Memo in zwei Minuten durchkorrigieren oder eine E-Mail verbessern. Oder ein Word- oder Excel-Template automatisch mit Angaben zu einem Fall ausfüllen, auch in komplexen Fragen. Dann natürlich über Dossiers mit der KI diskutieren, ob in einer Due Diligence, einem Streitfall oder bei einer Compliance-Beurteilung. Eine eigene Nutzergemeinde hat bei uns in der Kanzlei inzwischen auch inky@vischer.com, eine KI, die Aufträge per E-Mail entgegennimmt und abarbeitet, z.B. Antworten auf Klientenanfragen vorbereitet oder Dokumente prüft und auch von unterwegs genutzt werden kann.
David Rosenthal: Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Implementierung und Nutzung im Kanzleialltag. Welche Erfahrungen haben Sie bei VISCHER gemacht?
DR: Der Einstieg muss niederschwellig sein. Die meisten KI-Lösungen im Rechtsbereich überfordern die Anwender. Sie sind technisch faszinierend, aber oft nicht das, was im Alltag wirklich gebraucht wird. Unser Tool hat zwar auch ausgefeilte Funktionen, mehr noch als die anderen, die ich kenne, aber es bietet eben auch die ganz simplen Dinge – und zwar dort, wo die Leute wirklich arbeiten, nämlich nicht im Browser, sondern in Word und Outlook. Das ist der Einstieg in die KI-Welt. Wir haben zudem die Erfahrung gemacht, dass es keine Hürden geben darf: Darum haben wir es so gestaltet, dass die KI mit allen Daten genutzt werden kann, auch mit solchen von Klienten. Die Anwender müssen sich nicht überlegen, ob sie der KI etwas vorlegen dürfen.
An beide: Wie wird sich der Personalansatz von Anwältinnen und Anwältinnen durch KI verändern?
DR: Wir werden nicht weniger zu tun haben, sondern in derselben Zeit mehr erledigen oder produzieren müssen, so wie das immer war, wenn Technologie uns unter die Arme greift. Es wird also nicht einfacher, sondern mehr. Wir werden für unsere Memos von der KI zusätzlich Gegenargumente erarbeiten lassen, in der Due Diligence auch die KI die Dokumente im Datenraum prüfen und Vorprodukte von der KI erstellen lassen, weil unsere Klienten erwarten, dass wir so unseren Aufwand reduzieren. Und bei Recherchen werden wir auch die KI auf die Piste schicken, um die Rechtsprechung zu durchforsten. Aber: Wir werden unserem Nachwuchs weiterhin vermitteln müssen, wie er die Arbeitsprodukte auch ohne KI erstellen kann, denn wer das nicht kann, kann auch die KI nicht richtig handhaben. Menschliche Aufsicht genügt nämlich nicht. Der Mensch muss von Anfang an am Steuer sitzen, nicht die KI. Und dazu muss er beides können: Das Anwaltshandwerk und die KI beherrschen.
KM: Dem kann ich mich nur anschliessen. KI wird die Arbeit von Anwältinnen und Anwälten verändern, aber nicht ersetzen. Strategische Beratung, Empathie, Urteilsvermögen, das bleibt unsere Domäne. Routineaufgaben wie Recherche und Dokumentenanalyse werden zunehmend von KI übernommen, das verändert vor allem die Rolle von Junior Associates. Der Personalansatz ändert sich also weniger in der Zahl als im Profil: Technologische Kompetenz wird genauso wichtig wie juristisches Fachwissen. Entscheidend ist dabei ein realistisches Erwartungsmanagement. Wer davon ausgeht, dass KI durchgehend fehlerfreie Ergebnisse liefert, wird enttäuscht. Der kluge Weg verbindet juristisches Know-how mit einem klaren Verständnis dessen, was KI leisten kann und was nicht. Kanzleien, die jetzt in Schulung und Change Management investieren, werden einen echten Wettbewerbsvorteil haben.
Karin Mülchi: Welche Frage werden Sie voraussichtlich am nächsten Montag an David Rosenthal nach seinem Referat im Widder Saal stellen?
KM: Wo erlebst du den grössten Unterschied zwischen dem, was KI-Tools versprechen, und dem, was Anwältinnen und Anwälte tatsächlich damit machen? Und was hat bei VISCHER den Ausschlag gegeben, damit ein Tool nicht nur ausprobiert, sondern wirklich in den Arbeitsalltag übernommen wurde?
David Rosenthal: Welche Frage werden Sie voraussichtlich am nächsten Montag an Karin Mülchi nach ihrem Referat im Widder Saal stellen?
DR: Wie viele Anwaltskanzleien in der Schweiz sind im Zeitalter der KI wirklich schon angekommen – und wie steht es um die Angebote dafür?
Hier geht es zur KI-Tagung 2026 im Widder Hotel vom 23. März 2026.


